- „Würde“ – Konzept der Kultur und Störfaktor in der Tierethik - 16. Oktober 2023
Suzann-Viola Renninger, Philosophin und Mitglied der kantonalen Zürcher Tierversuchskommission, berichtet, wie und warum der Begriff der “Würde der Kreatur” 1992 in die Schweizer Verfassung aufgenommen wurde und wie sich dies im konkreten Umgang mit Tieren, z. B. bei der Genehmigung von Tierversuchen, auswirkt. Dass man dabei um die “Bürde der Güterabwägung” nicht herumkomme stehe im Kontrast zum fatalen Wunsch nach Objektivität und Messbarkeit des Würdebegriffs.

Zusammenfassung
Eingangs erläutert Renninger die Aufnahme des Begriffs der “Würde der Kreatur” in die Schweizer Verfassung im Jahr 1992 aufgrund einer Volksinitiative. Der damals gewählte Begriff “Würde” war bewusst weit und interpretationsoffen gehalten. Anschließend beschreibt Renninger die Arbeit der Zürcher Tierversuchskommission. Diese hat die Aufgabe, Tierversuche von Universitäten und Forschungseinrichtungen zu überprüfen und abzuwägen zwischen wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn und Tierwohl. Die Kommission besteht mehrheitlich aus Veterinärmediziner:innen und Biolog:innen, die Ethik wird von einer Person repräsentiert.
Ein zentrales Thema des Vortrags ist die Unterscheidung zwischen naturwissenschaftlicher und kultureller Sichtweise. Charles Darwin habe mit seiner Evolutionstheorie die biologische Entwicklung der Arten dargestellt, nicht aber die Entwicklung von Werten. Die Würde des Menschen sei ein kulturelles, kein naturwissenschaftliches Konzept. Problematisch sei der Analogieschluss, aus einer kontinuierlichen biologischen Evolution auch auf eine kontinuierliche Entwicklung der Würde zu schließen.
Entsprechend könne auch der fatale Wunsch vieler Naturwissenschaftler:innen, den Würdebegriff messbar zu machen und zu operationalisieren, nicht eingelöst werden. Unauflösbar bleibe ein vernünftiger Pluralismus in der Tierethik und die “Bürde der Güterabwägung”.
Das Fachpublikum stellt vertiefende Fragen an den Vortrag, beispielsweise:
- Frage nach der Abstufung verschiedener Tierarten in Bezug auf die Zuerkennung von Würde (z.B. Säugetiere vs. Insekten)
- Nachfrage zur Rolle von Emotionalität bei der Einschätzung von Tierleid
- Frage nach dem Umgang der Kommission mit der Möglichkeit, dass abgelehnte Tierversuche einfach ins Ausland verlagert werden
- Frage nach der philosophischen Grundlage für das Konzept des Menschen als moralisches Subjekt, der Tiere als moralisches Objekt
- Nachfrage zur Möglichkeit der Instrumentalisierung von Tieren als moralische Objekte
- Frage danach, ob anstelle des problematischen Würdebegriffs nicht besser von Eigenwert hätte gesprochen werden sollen
Weitere Beiträge der Tagung
Der Vortrag des Philosophen Tobias Müller plädiert zwar für eine Sonderstellung des Menschen, aber ohne Anthropozentrismus.
Die "deep incarnation" sieht Gott nicht nur in Jesus, sondern in aller Materie inkarniert. Die Theologin Julia Enxing argumentiert damit für eine Abkehr vom anthropozentrischen Paradigma hin zu einem neuen Verständnis der Beziehungen zwischen Mensch, Tier und Natur.
Der Philosoph Hans-Dieter Mutschler setzt sich mit Argumenten gegen die Sonderstellung des Menschen auseinander. Ein Argument schließt aus der Kontinuität: Insofern die Evolution kontinuierlich bis zum Menschen verlaufe, könne dieser nichts Besonderes sein. Nun weist Mutschler nach, dass sich Kontinuität und Diskontinuität, und damit die Sonderstellung, nicht ausschließen.
Georg Gasser gibt zunächst eine Einführung in den Transhumanismus und dessen Idee der technologischen Überwindung menschlicher Grenzen inkl. des Mind-Uploading. Anschließend diskutiert Gasser drei Kritikpunkte an dieser Sichtweise.
Suzann-Viola Renninger, Philosophin und Mitglied der Zürcher Tierversuchskommission, berichtet, wie der Begriff der "Würde der Kreatur" 1992 in die Schweizer Verfassung aufgenommen wurde und wie sich dies im konkreten Umgang mit Tieren auswirkt.
Projektvorstellungen
Das Dissertationsprojekt Benjamin Litwins fragt nach genmodifiziertem Dis-Enhancement von Nutztieren, bei dem Eigenschaften (z. B. Schmerzempfingungen) genommen werden und bei dem das bisherige Tierwohl-Konzept an die Grenzen kommt.
Die Dissertation von Ivo Frankenreiter beschäftigt sich mit der Notwendigkeit einer ökologischen und sozialen Transformation. Der Fokus ethischer Reflexion verschiebt sich dabei von Fragen der Begründung auf solche der Umsetzung.
Lorns-Olaf Stahlberg geht es um das Selbstverständnis des Menschen, die Welt zu beherrschen, zu gestalten und jetzt auch zu retten.
Bei der Vorstellung ihres Dissertationsprojektes setzt Johanna Häusler damit an, dass libertarische Theorien Freiheit als inkompatible mit Determinismus ansehen.
Der Philosoph Daniel Saudek fragt, warum die sozial-ökologische Wende der reichen Gesellschaften trotz der sich drastisch verschärfenden Probleme wie Ungleichheit, Klimakrise und Artensterben ausbleibt und welche Rolle die Kirche bisher gespielt hat und künftig spielen sollte.