Wortgottesdienst

von Andreas Losch

Andreas Losch
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Aus dem Wortgottesdienst zum Abschluss der Tagung “Anthropozentrik am Ende?” vom 6. bis 8. Oktober 2023, in Stuttgart-Hohenheim.

Lesung: Psalm 8

1 Für den Chormeister. Nach dem Kelterlied. Ein Psalm Davids.
2 HERR, unser Herr, /
wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde,
der du deine Hoheit gebreitet hast über den Himmel.
3 Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du ein Bollwerk errichtet / wegen deiner Gegner, um zum Einhalten zu bringen Feind und Rächer.
4 Seh ich deine Himmel, die Werke deiner Finger,
Mond und Sterne, die du befestigt:
5 Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
6 Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott,
du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.
7 Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände,
alles hast du gelegt unter seine Füße:
8 Schafe und Rinder, sie alle und auch die wilden Tiere,
9 die Vögel des Himmels und die Fische im Meer,
was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.
10 HERR, unser Herr,
wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!

Predigt

Liebe Geschwister,

Was ist der Mensch?

Eine große Frage ist das. Heutzutage, im Anthropozän, fast so gewaltig wie der Psalm den Namen des HERRN beschreibt, scheint mir.

Dem Psalmbeter geht es darum, dass etwas grösseres, jemand grösseres als wir selbst uns unsere durchaus hohe Würde verliehen hat. Dass die Herrschaft des Menschen untergeordnet ist einer grösseren Herrlichkeit.

Der Mensch ist Geschöpf.
Und doch auch: die „Krone der Schöpfung“, wurde und wird gesagt: Er ist die Kreatur, die nach dem Ebenbild Gottes selbst geschaffen ist.  So Gen 1.

Die neuere Exegese des Schöpfungshymnus ist da ja zurückhaltender und sieht den Feiertag als die eigentliche Krönung der Schöpfung an. Der siebte Tag, der Ruhetag, vollendet die Schöpfung, nicht schon der sechste.

Nur am Rande gesagt, ist das vielleicht etwas, was insbesondere im akademischen und pfarramtlichen Betrieb oft vergessen geht: Gerade die Pause ist heilig. Der Feiertag, die Frei-zeit geradezu, denn in unserem Getriebe ist für die Pause nicht mehr immer Platz.

Gott aber hat sich einen ganzen Tag Pause gegönnt. Gestatten wir uns das auch, denn das ist die eigentliche Vollendung der Schöpfung.

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Zurück zu der Frage, was unsere Stellung angeht. Mag man unsere Krone in der Genesis diskutieren, werden doch in dem Psalm, den wir gehört haben, nun ganz eindeutig gekrönt, und zwar „mit Pracht und Herrlichkeit“.

Wobei diese «Herrlichkeit», wörtlich die Kawod, der Glanz Gottes, ja nicht rein männlich dominiert sein muss. Aber das ist ein anderes großes Debattierfeld, das ich jetzt nicht betreten möchte. Vielmehr möchte ich fragen: Was macht das mit uns, Frauen wie Männern, diese starke Zusage „Krone der Schöpfung“?

Ich denke, es hängt davon ab, wie wir diese Zusage verstehen:
als Gegebenheit, – oder als Gnadengabe.

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Verstehen wir sie als Gegebenheit, können wir uns auf uns selbst verlassen, wir werden es schon richten. Denn wir sind ja wer.

Es ist wirklich alles zu unseren Füssen gelegt. „Schafe und Rinder, sie alle und auch die wilden Tiere, die Vögel des Himmels und die Fische im Meer“, und es ist relativ egal, was wir damit tun, wir sind und bleiben die Krone der Schöpfung.

Verstehen wir die Krone dagegen als Gnadengabe, sehen wir vielleicht besser, dass wir ein Teil dieser Schöpfung sind. Möchte ich zumindest meinen. Dass wir in derselben Abhängigkeit sind vom Geber des Ganzen und vom Ganzen wie die anderen Kreaturen. Und sie nicht mit Füssen treten sollten.

Deswegen ist es wichtig, die Gnade Gottes, von der wir abhängig sind, zu sehen, und anzunehmen. Vielleicht vermögen wir genauso viel ohne dieses Eingeständnis. Aber wir beschränken uns in der Entfremdung von Gott in unserer Einsicht und Weisheit.

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Wir sind also abhängig vom Ganzen. Ein Erdling, von Erde genommen, wie die Bibel sagt.
Wir sind «Sternenstaub», sagen wir heute mit einem populären Begriff: aus Elementen zusammengesetzt, die in Sternen geboren wurden.

Ich möchte daher eine Frage an den Psalm stellen: heutzutage scheinen die in ihm gesetzten Grenzen ja zu verschwimmen.
Heisst es dort noch: «Seh ich deine Himmel, die Werke deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt…» verblasst das Firmament heute doch vor den Weiten des Weltalls, die der Mensch zu erobern sich anschickt.

Auch der Himmel ist ja inzwischen in Reichweite des Menschen. Flugzeuge durchqueren die Luft und Satelliten umkreisen den Erdball. Der Mensch war schon auf dem Mond, und in den kommenden Jahren soll die erste Frau auf den Mond geschickt werden.

In der Moderne hat der Mensch nicht nur die Erde, sondern auch den Himmel erobert. Waren Berge und Bäume einst heilig, Wasserquellen der Sitz von Wassergeistern, und die Welt voll von Zauber, so ist in der Neuzeit alles entzaubert und unter die Herrschaft des Menschen gestellt. Auch der Himmel. Mit allen Problemen, die das mit sich bringt, wenn der Mensch sich überall ausbreitet.

Es gibt auch diese problematische Wirkungsgeschichte des Christentums. Lynn White hatte deswegen eine neue, franziskanische Spiritualität gefordert.
Eine Umorientierung hin zu unseren Mitgeschöpfen, zur Wahrnehmung unserer Umwelt als Mit-welt kann man vielleicht sagen.

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Wir Christen glauben, Gott wurde Mensch, das göttliche Wort wurde Fleisch und „wohnte unter uns“, wie es heisst.
Wenn Gott Mensch wurde, wurde auch er also Sternenstaub, geboren aus dem Staub eines Planeten am Rande unserer Galaxie, der Milchstrasse.

Deswegen können wir – glaube ich – als Christen auch sagen: Gott durchdringt alles, was ist. Denn all unser Wissen, die Kraft der Vernunft kann zwar die Welt beschreiben, in der wir wohnen, wir können die mathematischen Weltformeln erkennen, die Weise wie die Welt funktioniert verstehen, aber warum das Ganze funktioniert, das können wir nicht sagen. Nur feststellen, dass und wie es das tut.

Stephen Hawking, selbst er als Atheist hat gefragt: „wer bläst das Feuer in die Gleichungen?“ Was sorgt dafür, dass die Gleichungen, die die Mathematik parat hält, eine wirkliche Welt beschreiben – dass es die Welt in ihrem Zusammenhang wirklich gibt?

Ich glaube, der Grund dafür ist, was wir Gott nennen.
Nicht umsonst gibt es ja auch die Vorstellung von Christus als dem Mittler der Schöpfung, als dem göttlichen Wort, durch das alles geschaffen ist.

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Wir Menschen haben nun eine besondere Fähigkeit, die uns vor allen Geschöpfen auszeichnet. Wir können uns von der Welt distanzieren, sie reflektieren, wissenschaftlich erfassen und technisch weitgehend beherrschen.

Doch diese Fähigkeit birgt auch eine große Gefahr: die Verbindung zum Ganzen zu verlieren, aus dem Zusammenhang der Welt zu fallen.

Deswegen ist es für uns Menschen wiederum wichtig, etwas sehr Grundlegendes nicht zu vergessen, auch wenn dies ein Merkmal nicht nur des Menschen, sondern vielleicht durchaus einiger Lebewesen ist: die Fähigkeit, einander zu begegnen, in Verbindung zu treten; mit dem Anderen, der Natur, dem Reich des Geistes – und mit Gott.

Das meine ich damit, dass wir unsre «Krone» als Gnadengabe annehmen sollen; die Verbindung, den Zusammenhang zu sehen und anzuerkennen.

Vernunft und Wissenschaft können nur analysieren, die Natur zerspalten – doch den Zusammenhang schaffen, das Feuer in die Gleichungen blasen, das können sie nicht. Und technische Erzeugnisse, so hilfreich und wichtig sie sein können, schaffen nichts wirklich Neues, es sind Nachbildungen der Natur, keine neue Schöpfung.

Vielleicht ist es aber gerade dann heute wieder wichtig, einander zu: begegnen, den Zauber des Zusammenhangs wirken zu lassen und zu leben. Auch unseren Zusammenhang mit diesem Planeten, aus dessen Erde wir alle gemacht sind, also unsere Einbettung in die Natur, von der auch wir nur ein Teil sind.

Ich hoffe, dies ist uns auf dieser Tagung wieder bewusst geworden.

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Was ist also der Mensch?
Sehr viel, ein besonderes Geschöpf, und doch eines unter anderen Geschöpfen.

Unsere Fähigkeit, einander zu begegnen, unsere Fähigkeit, den göttlichen Zusammenhang der Welt, ihren „Zauber“ zu sehen, ist dann glaube ich, ein großes Geschenk. Es ist, mit dem alten, doch vielsagenden Wort: Gnade.

Amen.