Bei der Tagung “Jenseits des Empirischen”, am 23.-24.02.2024 in Stuttgart-Hohenheim, ging es um Pseudowissenschaften und Verschwörungstheorien aus der Perspektive der “Mainstream”-Wissenschaften und der Wissenssoziologie.

In der globalen Medien- und Meinungslandschaft sind Falschinformationen, Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien allgegenwärtig. Nicht selten lehnen sie dabei Mainstream-Wissenschaften ab und berufen sich ihrerseits auf „alternative Fakten“. Ein idealtypisches Beispiel dafür ist die Ablehnung der Evolutionstheorie, was paradigmatisch für die Konflikte zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft steht. Auch die Auseinandersetzungen um Klimawandel oder Corona-Pandemie haben die wissenschaftliche Community herausgefordert, Kriterien zu benennen, um Wissenschaft von Pseudowissenschaft abzusetzen. Wo sind die Grenzen zwischen gesundem wissenschaftlichem Zweifel und grundlegender Wissenschaftsskepsis oder Wissenschaftsleugnung?
Eine gesellschaftliche Engführung ist aber auch das Gegenteil der Wissenschaftsvergötzung, die Weltanschauungen und gesellschaftliche Entscheidungen ausschließlich an den Erkenntnissen der Wissenschaft orientiert und übersieht, dass die Welt mehr ist als das Empirische.
Wie also ist Wissenschaft gesellschaftlich so zu positionieren, dass sie (öffentlichkeits-)wirksam gegen Faktenleugnung ins Feld zieht, ohne das Gegenteil der Wissenschaftsvergötzung zu fördern? Drei akademische Perspektiven versuchen, diese Frage in vier Vorträgen und einer gemeinsamen Diskussion zu beantworten.
Pseudowissenschaften und Verschwörungstheorien im Überblick
Der Molekularbiologe Andreas Beyer gibt einen Überblick über Pseudowissenschaften und Verschwörungstheorien, die er von empirischen Wissenschaften abgrenzt – ohne in einigen Fällen fließende Übergänge zu bestreiten. An den Mythen zu Impfen, AIDS, Mondlandung und Chemtrails führt Beyer beispielhaft pseudowissenschaftliche Argumentationen und mögliche Gegenargumente vor.
Beispiele Kreationismus und Intelligent Design
Beispielhaft stellt Beyer die evolutionskritischen Argumente von Kreationismus und Intelligent Design auf den Prüfstand, u. a. auch die Behauptung der “irreduziblen Komplexität” biologischer Systeme. Diese besagt, dass eine evolutive Erklärung derart komplexer Systeme unzureichend ist, und dass nur der Eingriff eines intelligenten Designers die Entstehung der Konstruktionen und Stoffwechselsysteme von Lebewesen erklären kann. Beyer hingegen argumentiert, dass “irreduzible Komplexität” die Möglichkeit einer schrittweisen natürlichen Entwicklung nicht ausschließt.
Theologie = Glaubenswissenschaft oder Pseudowissenschaft?
Der systematische Theologe Florian Baab stellt klar, dass eine Theologie als Wissenschaft möglich und nötig ist, und grenzt sie deutlich sowohl von Naturalismus als auch von Pseudowissenschaft ab. Anders als Pseudowissenschaft habe die Theologie einen intersubjektiven Anspruch durch ihr Eingebettetsein in eine Glaubens- und Wissensgemeinschaft. Und: Seriöse Theologie unterwirft sich wissenschaftlichen Standards und verzichtet als prozessuale Wissenschaft auf Endgültigkeit, anders als (manche) Pseudowissenschaften.
Pseudowissenschaften und Verschwörungstheorien in der Corona-Krise
Als Soziologe hatte Alexander Bogner die Aufgabe, die Coronazeit wissenschaftlich aufzuarbeiten und dabei auch die Wissenschaftsskepsis zu analysieren, wie sie sich in ihrer Extremform z. B. in der Querdenkerszene artikulierte. Für Bogner gehört die Wissenschaftsskepsis einerseits zur DNA der Wissenschaft, sie radikalisiere sich aber z. B. im libertären Denken und Querdenkertum gegen die “Mainstream”-Wissenschaften. Nicht zuletzt kurbele eine szientistische Rhetorik der Alternativlosigkeit Wissenschaftsskepsis an. Ein Misstrauen gegen den Kern der Wissenschaften sei dabei dialogresistenter als ein Misstrauen gegen Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Politik bzw. Wirtschaft.
Abschlusspodium
Das Abschlusspodium der Tagung brachte die drei Hauptreferenten zusammen und in Diskussion mit dem Publikum.

Kernthemen der Schlussrunde:
- Transparenz der Wissenschaft als Vorbeugung gegen Skepsis
- Kausalitätsfrage: Die Wissenschaft erklärt alles, die Theologie den Rest?
- Aus Corona lernen für den Klimawandel?
Zu den Beiträgen der Tagung
empirischen Wissenschaften abgrenzt. An den Mythen zu Impfen, AIDS, Mondlandung und Chemtrails führt Beyer beispielhaft pseudowissenschaftliche Argumentationen und mögliche Gegenargumente vor.
Andreas Beyer stellt die evolutionskritischen Argumente von Kreationismus und Intelligent Design auf den Prüfstand, u.a. auch die Behauptung der "irreduziblen Komplexität" biologischer Einheiten.
Florian Baab grenzt die Theologie von Pseudowissenschaft ab und konturiert sie als unverzichtbare Glaubenswissenschaft. Ohne eine wissenschaftliche Theologie wäre religiöser Glaube nicht mehr rational rechtfertigungsfähig und könne sich in einer irrationalen Parallelwelt einrichten.
Für Alexander Bogner gehört die Wissenschaftsskepsis einerseits zur DNA der Wissenschaft, sie radikalisiert sich aber z. B. im libertären Denken und Querdenkertum gegen die "Mainstream"-Wissenschaften. Nicht zuletzt kurbelt eine szientistische Rhetorik der Alternativlosigkeit Wissenschaftsskepsis an.
Kernthemen der Abschlussdiskussion:
- Transparenz der Wissenschaft als Vorbeugung gegen Skepsis
- Kausalitätsfrage: Die Wissenschaft erklärt alles, die Theologie den Rest?
- Aus Corona lernen für den Klimawandel?
- Fortschrittsglaube vs. Pessimismus