
Beiträge zur Nachhaltigkeitsforschung 36
Metropolis
15. Februar 2024
483
Die Welt verändert sich, transformiert sich kontinuierlich. Das geschieht in großen Bereichen der Welt in unüberschaubarer Fülle völlig ohne unser Zutun. In anderen dagegen können wir durchaus daran mitwirken. Wenn wir die Strukturen künftiger Entwicklungen in eine bestimmte Richtung beeinflussen wollen - und die Reaktion auf moralische Herausforderungen wie den Klimawandel ist ein guter Grund, genau das zu wollen - dann tun wir gut daran, Ressourcen zu vernetzen und diese Vernetzungen auf die vielen nötigen Transformationen der Welt hin zu konkretisieren.
Hier setzt die Arbeit an einer prozessontologischen Transformationsethik an: Wo stillschweigende Voraussetzungen wie ein unbegrenzt wachsender Verbrauch an beliebig verfügbaren Ressourcen das Denken beherrschen, genügt es nicht, die Transformationen in Natur, Umwelt und Gesellschaft nur zum Gegenstand der Diskussion zu machen. Es sind die Formen des Denkens selbst, die zu hinterfragen sind, um von einem statischen hin zu einem prozessualen, relationalen Denken in Vernetzungen zu gelangen.
Diesem Ziel ist der Versuch einer prozessontologischen Transformationsethik gewidmet, deren Denkform unsere Epistemologien des Wandels in Natur, Umwelt und Gesellschaft reflektiert. Sie wird in Auseinandersetzung mit Ulrich Beck, Bruno Latour und Alfred N. Whitehead entwickelt und als Verständnisrahmen für die Transformationen unserer Zeit erschlossen.
Der Autor, Ivo Frankenreiter, hat das Buch als Dissertationsprojekt bei der RSNG-Tagung 2023 vorgestellt.
Die Dissertation (frei als pdf-Datei verfügbar) beschäftigt sich mit der Notwendigkeit einer ökologischen und sozialen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Obwohl diese Transformation ein ethisches Gebot und politisches Ziel ist, wartet sie noch auf ihre umfassende Umsetzung. Der Fokus ethischer Reflexion verschiebt sich dabei von Fragen der Begründung auf solche der Umsetzung.

Entfaltung
Die ethische Reflexion ist über eine Rezeption natur- und sozialwissenschaftlicher Arbeiten hinaus auch auf ontologische Fragen zu erweitern. Um die Problemstellung zu präzisieren, werden mit Kap. I die Arbeiten Ulrich Becks und Bruno Latours herausgegriffen. Wegweisend ist deren Impuls, die soziologische Arbeit um Fragen der Metaphysik zu erweitern: Weil es unkritisch vorausgesetzte Antworten auf metaphysische Fragen sind, die als hintergründige Ursachen für den gesellschaftlichen Umgang mit dem Klimawandel analysiert werden, bleibt die Auseinandersetzung hinter dem Problemniveau ihres Gegenstands zurück, solange solche Fragen ausgeblendet werden. Kap. II erarbeitet anhand der Philosophie Whiteheads den begrifflichen Werkzeugkasten, um diesen Impuls aufzunehmen. Dessen Leistungsfähigkeit wird in Kap. III anhand der schöpfungstheologischen Perspektive der Enzyklika Laudato si’ und des interdisziplinären Diskurses um den Begriff ‚Resilienz‘ geprüft, bevor Kap. IV die unterschiedlichen Erträge im titelgebenden Konzept einer prozessontologischen Transformationsethik bündelt. Als Objektgenitiv macht ‚Ethik der Transformation‘ die Prozesse zum Thema, die den ‚Wandel in Natur, Umwelt und Gesellschaft‘ bestimmen. Um angemessen auf die epistemologische Problemdimension reagieren zu können, ist es aber eben dafür erforderlich, dass die Kategorie der Transformation auch zur bestimmenden Charakteristik der ethischen Reflexion selbst wird: ‚Ethik der Transformation‘ im Sinne eines Subjektgenitivs oder Formalobjekts bedeutet dann, dem ontologischen Stellenwert des Wandels auch konzeptuell Rechnung zu tragen.