- Digitalisierung – mehr als nur eine neue Technik? - 19. September 2023
Der systematische Theologe Martin Breul fragt ausgehend von Habermas nach der Digitalisierung als neuem Strukturwandel der Öffentlichkeit.

Es geht Breul neben den Chancen der Digitalisierung auch um die Probleme, vor allem auf drei vom Plattformcharakter der neuen Medien ausgehende Gefahren:
- Erstens ökonomische Interessen,
- zweitens die Intransparenz der Algorithmen,
- drittens die Macht der neuen Medien, zu entscheiden, welche Diskurse und Meinungen öffentlich stattfinden.
Ausführlichere Zusammenfassung:
Der Vortrag greift zunächst auf Jürgen Habermas’ neues Buch mit dem Titel “Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit” (2022) zurück. Anlass ist die Diagnose verschiedener Krisen der Demokratie, wie der Aufstieg des Rechtspopulismus und die ökologische Krise. Hinzu kommt die Digitalisierung der politischen Kommunikation, deren Bedeutung für die demokratische Lebensform noch unklar ist.
Laut Habermas berge die Digitalisierung Chancen, wie die Entgrenzung politischer Kommunikation, aber auch Gefahren: Verschwimmen von privat und öffentlich, Abschottung in Filterblasen, Unbekanntheit der Algorithmen privatwirtschaftlicher Plattform-Anbieter. Dies führt dazu, dass Profitinteressen zu Lasten eines deliberativen Diskurses gehen.
Als theologische Potenziale nennt der Vortrag eine politisch-theologische Kritik systemischer Imperative zugunsten lebensweltlicher Diskurse sowie die Neuinterpretation von Kirchen als Räume deliberativer Kommunikation jenseits ökonomischer Logiken. Offen bleibt, ob Theologie weitere Potenziale bereithält, um mit dem digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit umzugehen.
(Zusammenfassung von Claude-2, es gilt das gesprochene Wort)
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Es geht dem systematischen Theologen Martin Breul auch um drei Probleme der Digitalisierung: Erstens ökonomische Interessen, zweitens die Intransparenz der Algorithmen, drittens die Macht der neuen Medien, zu entscheiden, welche Diskurse und Meinungen öffentlich stattfinden.
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