Die große Geschichte – Grundlage eines sinnvollen Engagements zwischen Religionen und Naturwissenschaften
Vortrag auf der RSNG-Jahrestagung “Methode und Reichweite der Naturwissenschaften”, 28.-30.09.2012
Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim
Gliederung des Vortrags
- Der Stand der modernen Naturwissenschaften
- Die Vielfalt religiöser Ausdrucksformen
- Zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion unter globaler Perspektive
Auszug aus dem Vortrag

William Grassie: “Angesichts der Einsichten der modernen Naturwissenschaften fühle ich mich von Ehrfurcht und Staunen erfüllt.”
Die Naturwissenschaft selbst erscheint als eine Art Epos, das wir als ‚Große Geschichte‘ bezeichnen. Es handelt sich um eine Erzählung, die unsere regionalen religiösen, nationalen und ethnischen Geschichten relativiert, indem sie sie in einen größeren Kontext einbettet.
Die neue evolutionäre Kosmologie muss daher frühere religiöse Kosmologien ersetzen. Diese können nach wie vor metaphorisch und metaphysisch interpretiert werden, wir können sie jedoch nicht mehr buchstäblich als Schilderung realer Ereignisse verstehen. Heilige Schriften wie ein naturwissenschaftliches Buch zu lesen bedeutet, einen riesigen, unverzeihlichen Kategorienfehler zu begehen.
Nicht nur selektiv einzelne Aspekte der Wissenschaften zu interpretieren, sondern sie als Ganze zu berücksichtigen, bedeutet einerseits, die mythische Natur unserer heiligen Schriften und Geschichten zu akzeptieren; andererseits gilt es zu bedenken, dass es Menschen aufgrund ihrer Natur schwer fällt, den neuen Universalismus, den die Naturwissenschaften mit ihrem globalen Anspruch fordern, zu begreifen. Die strengeren religiösen Glaubensrichtungen und Kulte schlagen die liberalen Strömungen oft aus dem Feld. Denn empirische, rationale und kritische Werte und Fakten haben nur eine begrenzte Anziehung auf dem globalen Markt der Religionen und Ideologien.
Den kritischen Realismus von Naturwissenschaft und Geschichte gar nicht einzubeziehen würde jedoch bedeuten, in ‚eine von Dämonen bevölkerte Welt‘ (,The Demon Haunted World’) zu geraten, wovor Carl Sagan in seinem letzten Buch eindringlich warnt:
„Wir haben eine globale Zivilisation errichtet, in der die meisten entscheidenden Elemente in hohem Maß von Naturwissenschaft und Technik abhängen. Gleichzeitig haben wir die Dinge so arrangiert, dass fast niemand Naturwissenschaft und Technik versteht. Daraus entsteht ein Rezept für Katastrophen. Wir könnten für eine Weile davon kommen, doch über Kurz oder Lang wird diese explosive Mischung aus Ignoranz und Macht auf uns selbst zurückschlagen.“
Gesamter Vortrag als pdf-Datei
Beiträge der Tagung
Tobias Müller benennt Aspekte, die den Erfolg der Naturwissenschaften bedingen, gleichzeitig aber auch die Reichweite der naturwissenschaftlichen Erklärung einschränken. Danach charakterisieren Naturwissenschaften in ihren Beschreibungen bestimmte Aspekte der Wirklichkeit, die von den jeweiligen Methoden abhängig sind.
Gegenüber einer Auffassung, in der die Lebenswelt als oberflächlich, die Wissenschaft als wesentlicher Zugang zur Wirklichkeit verstanden wird, bringt Hans-Dieter Mutscher den Primat der Lebenswelt zur Geltung.
Mathias Gutmann fragt (anhand der Beispiele "Evolution" und "Genetik") danach, welchen Sitz im Leben die Biologie hat, in welcher Weise man von lebensweltlichen Bestimmungen zu wissenschaftlichen Bestimmungen kommt und welche Konsequenzen dieser Weg für die Geltung wissenschaftlicher Aussagen hat.
Stefan Bauberger ist einerseits fasziniert vom Erfolg der Physik in ihrer objektivierenden und verallgemeinernden Methode. Gleichzeitig weist er aber auf die Kompatibilität mit anderen Perspektiven der Betrachtung hin. Dabei versteht Bauberger Subjektivität und Besonderheit nicht als Erkenntnisdefizit, sondern als alternative Erkenntnisform.
Nach William Grassie muss die neue evolutionäre Kosmologie (die "große Geschichte") frühere religiöse Kosmologien ersetzen. Diese können nach wie vor metaphorisch und metaphysisch interpretiert werden, nicht jedoch buchstäblich als Schilderung realer Ereignisse. In der "Großen Geschichte" findet Grassie phantastische Anknüpfungspunkte für Transzendenz.
Wer, was, wann und wo? Eine wichtige Funktion der RSNG-Jahrestagung besteht im Kennenlernen bestehender und neuer interdisziplinärer Projekte sowie deren Vernetzung. Vor allem Nachwuchswissenschaftler haben Gelegenheit, ihre Vorhaben mit erfahrenen Wissenschaftlern auszutauschen.