Lorns-Olaf Stahlberg geht es um das Selbstverständnis des Menschen, die Welt zu beherrschen, zu gestalten und jetzt auch zu retten.

Zusammenfassung
Während dem Menschen in den biblischen Schöpfungsberichten die herausgehobene Rolle des Bebauers und Bewahrers – man könnte auch sagen: des Verwesers – der Schöpfung zugesprochen wird (Gen 1,28 und 2,15), muss man heute wohl konstatieren, dass er diese Aufgabe eher schlecht als recht erfüllt. Er erweist sich vielmehr in einem übertragenen Sinne tatsächlich als regelrechter „Verweser” i. S. v. Zersetzer bzw. Verwüster der Welt, denkt man an die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und den anthropogenen Klimawandel. Hier spielt sicherlich ein gewisser Machbarkeits- und Fortschrittswahn eine Rolle, der sich insbesondere seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert als eine treibende Kraft der Naturnutzung und schließlich der Naturzerstörung etabliert hat. Aus dem hybriden Dasein in Abhängigkeit von der Natur auf der einen sowie in der Rolle als ihr Gestalter und Bewahrer auf der anderen Seite schlägt sich der Mensch auf die Seite bedenkenloser Hybris.
Statt Herrscher oder Retter soll der Mensch Hüter der Schöpfung sein, der ihre Vollendung prospektiv in sich trägt. Es gilt, jenseits der technischen Lösungen die Richtung der Lebensweise zu finden, die in eine bessere Zukunft weist.
Weitere Beiträge der Tagung
Der Vortrag des Philosophen Tobias Müller plädiert zwar für eine Sonderstellung des Menschen, aber ohne Anthropozentrismus.
Die "deep incarnation" sieht Gott nicht nur in Jesus, sondern in aller Materie inkarniert. Die Theologin Julia Enxing argumentiert damit für eine Abkehr vom anthropozentrischen Paradigma hin zu einem neuen Verständnis der Beziehungen zwischen Mensch, Tier und Natur.
Der Philosoph Hans-Dieter Mutschler setzt sich mit Argumenten gegen die Sonderstellung des Menschen auseinander. Ein Argument schließt aus der Kontinuität: Insofern die Evolution kontinuierlich bis zum Menschen verlaufe, könne dieser nichts Besonderes sein. Nun weist Mutschler nach, dass sich Kontinuität und Diskontinuität, und damit die Sonderstellung, nicht ausschließen.
Georg Gasser gibt zunächst eine Einführung in den Transhumanismus und dessen Idee der technologischen Überwindung menschlicher Grenzen inkl. des Mind-Uploading. Anschließend diskutiert Gasser drei Kritikpunkte an dieser Sichtweise.
Suzann-Viola Renninger, Philosophin und Mitglied der Zürcher Tierversuchskommission, berichtet, wie der Begriff der "Würde der Kreatur" 1992 in die Schweizer Verfassung aufgenommen wurde und wie sich dies im konkreten Umgang mit Tieren auswirkt.
Projektvorstellungen
Das Dissertationsprojekt Benjamin Litwins fragt nach genmodifiziertem Dis-Enhancement von Nutztieren, bei dem Eigenschaften (z. B. Schmerzempfingungen) genommen werden und bei dem das bisherige Tierwohl-Konzept an die Grenzen kommt.
Die Dissertation von Ivo Frankenreiter beschäftigt sich mit der Notwendigkeit einer ökologischen und sozialen Transformation. Der Fokus ethischer Reflexion verschiebt sich dabei von Fragen der Begründung auf solche der Umsetzung.
Lorns-Olaf Stahlberg geht es um das Selbstverständnis des Menschen, die Welt zu beherrschen, zu gestalten und jetzt auch zu retten.
Bei der Vorstellung ihres Dissertationsprojektes setzt Johanna Häusler damit an, dass libertarische Theorien Freiheit als inkompatible mit Determinismus ansehen.
Der Philosoph Daniel Saudek fragt, warum die sozial-ökologische Wende der reichen Gesellschaften trotz der sich drastisch verschärfenden Probleme wie Ungleichheit, Klimakrise und Artensterben ausbleibt und welche Rolle die Kirche bisher gespielt hat und künftig spielen sollte.