- Beklagenswerte Mitwelt – Ökologische Trauerarbeit - 9. Juli 2024
Ana Honnacker bringt die Idee der Trauer als Schlüsselemotion für die notwendige Transformation ein. Ökologische Trauerarbeit versteht sie als Mittel, um von der Trauer zu Empathie und Solidarität zu kommen. Wer betrauert wird, gehört in den Kreis derer, die moralisch zu berücksichtigen sind.

(Hinweis: Die Präsentation ist nachträglich von der Akademie redaktionell überarbeitet worden)
Zusammenfassung
Vortrag bei der Tagung “Vom Sieger zum Verlierer? Die Rolle des Menschen im Netz des Lebens“, 28.-29.06.24, Tagungszentrum Stuttgart-Hohenheim
(Transkript von freesubtitles.ai, Zusammenfassung von ChatGPT 4o; es gilt das gesprochene Wort)
Ana Honnacker beginnt ihren Vortrag damit, mehrere Angebote zu machen. Sie skizziert zunächst die ökologische Situation und plädiert dafür, dass diese eine besondere Tragweite hat, die mit dem Begriff des Anthropozäns markiert werden kann. Sie diagnostiziert das Anthropozän als ein kulturelles Problem, das auch auf dieser Ebene behandelt werden muss. Eine sozioökologische Transformation sollte nicht nur technisch, sondern auch auf unsere Lebensweise fokussiert sein. Sie schlägt vor, dass die Kultivierung des Gefühls der Trauer eine wichtige Ressource für die Rekonfiguration unseres Verhältnisses zur Natur und zu uns selbst sein kann, was letztlich unsere Lebensform verändern könnte.
Honnacker verwendet den Begriff des Anthropozäns als diagnostisches Werkzeug, um die Tragweite menschlicher Eingriffe in das Erdsystem zu erfassen. Der Begriff Anthropozän beschreibt die aktuelle geophysikalische Situation, in der menschliche Aktivitäten so umfassend und tiefgreifend geworden sind, dass sie die großen Naturkräfte übertreffen und die Erde in ein unbekanntes Territorium treiben. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die menschliche Einflussnahme durch Wirtschaftswachstum, Ressourcenverbrauch und Abfallproduktion dramatisch zugenommen, was als “große Beschleunigung” bezeichnet wird. Klimawandel ist dabei nur eine von vielen Dimensionen.
Der CO2-Gehalt in der Atmosphäre hat sich seit der industriellen Revolution drastisch erhöht, was zu einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen geführt hat. Die Auswirkungen sind bereits spürbar: Extremwetterereignisse, das Schmelzen von Eisschilden und Gletschern, Verlust von Biodiversität und viele mehr. Diese Veränderungen führen zu sozialen Folgen wie Fluchtbewegungen, Verteilungskämpfen und Verschlechterung der mentalen Gesundheit. Die menschliche Aktivität hat das nächste Eiszeitalter wahrscheinlich um mehrere hunderttausend Jahre verzögert, und die Umweltveränderungen sind beispiellos in der Erdgeschichte.
Honnacker betont, dass die ökologischen Veränderungen oft unsichtbar sind und nicht mit der menschlichen Zeitskala übereinstimmen, was zu einer schleichenden Normalität führt. Viele Prozesse bleiben unbemerkt, weil sie nicht direkt beobachtbar sind. Diese Entfremdung von der Natur führt zu einer verminderten Verantwortungsübernahme und verstärkt den Verlust der Beziehung zur Natur.
Um diese Herausforderungen zu bewältigen, schlägt Honnacker eine ökologische Trauerarbeit vor. Erfahrungen von Verlust und Trauer können disruptiv wirken und eine kritische Bewertung des Gewohnten ermöglichen. Trauer kann eine Reorientierung und einen Widerstand gegen die gegenwärtigen Praktiken fördern. Öffentliche Performances wie die von Extinction Rebellion oder Gletscherbegräbnisse sind Beispiele für kollektive Trauerarbeit, die ökologische Verluste sichtbar machen und Bewusstsein schaffen sollen. Diese Rituale markieren den tiefen Verlust und lenken die Aufmerksamkeit der Gemeinschaft darauf.

Ökologische Trauerarbeit soll nicht nur die Verluste anerkennen, sondern auch eine aktive Haltung und Resilienz aufbauen. Honnacker betont, dass Trauerarbeit nicht dazu dienen sollte, den Schmerz vollständig zu überwinden, sondern ihn als eine potenziell aktivierende Kraft zu nutzen. Ein Beispiel für solche Trauerarbeit ist das 10-Punkte-Programm des Good Grief Network, das Menschen zusammenbringt, um ihre Gefühle zu verarbeiten und bedeutungsvolle Handlungsoptionen für die Zukunft zu entwickeln.
Schließlich weist Honnacker auf die Hürden der ökologischen Trauerarbeit hin, insbesondere die eigene Verstricktheit in schädliche ökologische Zusammenhänge. Diese Verstrickung kann Scham und Schuldgefühle hervorrufen, die es schwer machen, sich mit den Verlusten auseinanderzusetzen. Dennoch bleibt die gelingende, aktivierende und transformative ökologische Trauerarbeit eine der größten Herausforderungen des Anthropozäns.
Die Beiträge der Tagung
Führt uns die expansive Erfolgsgeschichte der menschlichen Evolution nun in die ökologische Sackgasse? Nicht, wenn wir unsere Natur überwinden - meint der Paläogenetiker Johannes Krause.
Ana Honnacker bringt die Idee der ökologischen Trauer als Schlüsselemotion für die notwendige Transformation ein. Wer betrauert wird, gehört in den Kreis derer, die moralisch zu berücksichtigen sind.
Regine Kather plädiert für einen tiefgreifenden Wandel im menschlichen Verhalten und Denken, um die Natur zu bewahren und eine nachhaltige Zukunft zu sichern. Eine ethische Neuausrichtung erkennt die Eigenwertigkeit und Dynamik aller Lebensformen und Ökosysteme an.