Unter dem Titel “Anthropozentrik am Ende?” hinterfragte die diesjährige Jahrestagung des Religion and Science Network Germany (RSNG) am 6.-8. Oktober 2023 das Bild von der Sonderstellung des Menschen. Dieses Bild wird zunehmend aufgeweicht durch die Einsicht in die Verwobenheit des Menschen mit der Natur. Auf der anderen Seite bedroht auch eine erstarkende Künstliche Intelligenz, die in bestimmten Bereichen kognitive menschliche Leistungen zu übertreffen drohen, die Sonderstellung. Was bleibt vom Menschen als „Krone der Schöpfung“?

Thematischer Schwerpunkt: Sonderstellung des Menschen
Vernunft und Selbstbewusstsein und die damit einhergehenden Fähigkeiten zur Selbstdistanzierung gelten traditionell als besondere Merkmale des Menschen, die ihn vom Tier unterscheiden sollen. Diese Sonderstellung des Menschen wird zunehmend als kulturelle Konvention kritisiert, die zur Ausbeutung der Natur und der Mitlebewesen wesentlich beigetragen habe. Dem könne man nur dann entkommen, wenn das Gegenüber von Mensch und Tier oder – weiter gefasst – Mensch und Natur zugunsten einer gegenseitigen Verwobenheit aufgelöst und „nicht-menschliche Tiere“ in ihrem Eigenwert aufgewertet würden. Zur Begründung wird hierbei auf die Einbettung des Menschen in die Natur und die Verbundenheit mit anderen Lebewesen im Kontinuum der Evolution angeführt.
![]() | Julia Enxing: Vom Anthropozentrismus zur Verwobenheit des Menschen mit der Natur | Hans-Dieter Mutschler: Kontinuität der Evolution spricht nicht gegen die Diskontinuität der Sonderstellung | ![]() |
Georg Gasser: Der transhumanistische Blick auf die (angebliche) Sonderstellung des Menschen | ![]() | ![]() | Suzann-Viola Renninger: Wie die kontinuierliche Evolution in der Tierethik einiges durcheinandergebracht hat |
Zudem scheinen auch die jüngsten Erfolge in der Künstlichen-Intelligenz-Forschung die Sonderstellung des Menschen anzufragen, wenn etwa KI-Systeme in bestimmten Bereichen kognitive menschliche Leistungen übertreffen. Hier stellt sich die Frage, ob es sich entweder beim Menschen nur um eine, wenn auch biologische, Input-Output-Maschine handelt, oder ob den KI-Systemen in einem wörtlichen Sinn mentale Fähigkeiten und Qualitäten wie Erleben, Denken, Erkennen, Wollen usw. zugeschrieben werden müssen.
Projektvorstellungen und Vernetzungen
Als Jahrestagung des Religion and Science Network Germany (RSNG) zielt die Veranstaltung neben der Diskussion des thematischen Schwerpunkts auf die Vorstellung neuer interdisziplinärer Projekte im Dialogfeld von Naturwissenschaft, Philosophie, Theologie, sowie auf die Vernetzung von (Nachwuchs-) Wissenschaftlern.

Spiritueller Abschluss
Der Wortgottesdienst mit Andrea Losch meditierte zum Abschluss der Tagung das Schwerpunktthema ausgehend von Psalm 8: “Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?”
Beiträge zum Themenschwerpunkt
Der Vortrag des Philosophen Tobias Müller plädiert zwar für eine Sonderstellung des Menschen, aber ohne Anthropozentrismus.
Die "deep incarnation" sieht Gott nicht nur in Jesus, sondern in aller Materie inkarniert. Die Theologin Julia Enxing argumentiert damit für eine Abkehr vom anthropozentrischen Paradigma hin zu einem neuen Verständnis der Beziehungen zwischen Mensch, Tier und Natur.
Der Philosoph Hans-Dieter Mutschler setzt sich mit Argumenten gegen die Sonderstellung des Menschen auseinander. Ein Argument schließt aus der Kontinuität: Insofern die Evolution kontinuierlich bis zum Menschen verlaufe, könne dieser nichts Besonderes sein. Nun weist Mutschler nach, dass sich Kontinuität und Diskontinuität, und damit die Sonderstellung, nicht ausschließen.
Georg Gasser gibt zunächst eine Einführung in den Transhumanismus und dessen Idee der technologischen Überwindung menschlicher Grenzen inkl. des Mind-Uploading. Anschließend diskutiert Gasser drei Kritikpunkte an dieser Sichtweise.
Suzann-Viola Renninger, Philosophin und Mitglied der Zürcher Tierversuchskommission, berichtet, wie der Begriff der "Würde der Kreatur" 1992 in die Schweizer Verfassung aufgenommen wurde und wie sich dies im konkreten Umgang mit Tieren auswirkt.
Projektvorstellungen
Das Dissertationsprojekt Benjamin Litwins fragt nach genmodifiziertem Dis-Enhancement von Nutztieren, bei dem Eigenschaften (z. B. Schmerzempfingungen) genommen werden und bei dem das bisherige Tierwohl-Konzept an die Grenzen kommt.
Die Dissertation von Ivo Frankenreiter beschäftigt sich mit der Notwendigkeit einer ökologischen und sozialen Transformation. Der Fokus ethischer Reflexion verschiebt sich dabei von Fragen der Begründung auf solche der Umsetzung.
Lorns-Olaf Stahlberg geht es um das Selbstverständnis des Menschen, die Welt zu beherrschen, zu gestalten und jetzt auch zu retten.
Bei der Vorstellung ihres Dissertationsprojektes setzt Johanna Häusler damit an, dass libertarische Theorien Freiheit als inkompatible mit Determinismus ansehen.
Der Philosoph Daniel Saudek fragt, warum die sozial-ökologische Wende der reichen Gesellschaften trotz der sich drastisch verschärfenden Probleme wie Ungleichheit, Klimakrise und Artensterben ausbleibt und welche Rolle die Kirche bisher gespielt hat und künftig spielen sollte.
Tagungsleitung
Dr. Tobias Müller, Professor für Religionsphilosophie und Fundamentaltheologie an der Universität Rostock
Dr. Heinz-Hermann Peitz, Leiter des Fachbereichs Naturwissenschaft und Theologie, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart
ReferentInnen
Prof. Dr. Julia Enxing
studierte Veterinärmedizin, anschließend kath. Theologie, Philosophie und Pädagogik. Seit April 2020 ist sie Professorin für Systematische Theologie am Institut für Katholische Theologie an der TU Dresden. Schwerpunkte u.a.: Prozesstheologie, Gender Studies und Human-Animal Studies.
Prof. Dr. Georg Gasser
studierte Philosophie und kath. Theologie. Seit 2020 Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg. Schwerpunkte u.a.: Philosophie der Person; Digitalisierung der Lebenswelt und transhumanistisches Menschen- und Weltbild.
Prof. Dr. Hans-Dieter Mutschler
studierte Theologie, Philosophie und Physik. 2004 bis 2017. Inhaber des Lehrstuhls für Naturphilosophie an der philosophisch-pädagogischen Hochschule Ignatianum in Krakau. Ab 2014 Lehrauftrag für Philosophie der Biologie an der Universität Zürich, sowie Lehraufträge an der Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen. Veröffentlichungen u.a.: Das Verhältnis zwischen Natur und Kultur (2022); Bewusstsein – was ist das? (2022)
Dr. Suzann-Viola Renninger
studierte Naturwissenschaften und promovierte in Philosophie, arbeitet als Philosophin an der Universität Zürich und leitet unter dem Label „Die Philosophieklasse“ verschiedene öffentliche, philosophische Projekte. Veröffentlichungen u.a.: Zur Instrumentalisierung von Versuchstieren – Eine philosophische Analyse für die Praxis (2022); Wenn sie kein Feigling sind, Herr Pfarrer (2021); Primatismus: Wie Veganer den Tierschutz auszuhebeln versuchen (2018).
Gefördert durch
die Vereinigung von Freunden und Förderern der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V. und
die Kooperation mit dem Lehrstuhl Religionsphilosophie und Fundamentaltheologie der Universität Rostock
