Laudate Deum: Deutliche Worte in der Klimakrise

von grenzfragen

Gott hat uns mit allen seinen Geschöpfen verbunden. Allerdings kann uns das technokratische Paradigma von der Welt um uns herum isolieren” (Franziskus, Laudate Deum 66; Darstellung via Midjourney)

Acht Jahre nach seiner viel beachteten Umwelt-Enzyklika “Laudato Si” lässt den Papst die Umweltkrise nicht los. Mit deutlichen, empirisch fundierten Worten kritisiert Franziskus Klimawandel-Leugner, er benennt schuldige Akteure wie Lebensstile und mahnt erneut zum Handeln. Und: Er wendet sich damit nicht nur an die katholische Kirche. Erfreulich auch, dass bei der Pressekonferenz zum neuen Schreiben “Laudate Deum” auch die bekannteste deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer mit einer beeindruckenden Rede das Wort ergreifen kann.

“Hören wir endlich auf mit dem unverantwortlichen Spott, der dieses Thema als etwas bloß Ökologisches, „Grünes“, Romantisches darstellt, das oft von wirtschaftlichen Interessen ins Lächerliche gezogen wird.” (Franziskus, Laudate Deum, 58)

Zentrale Aussagen des Schreibens:

  • Die Klimakrise ist real, und es gibt eindeutige Beweise für die menschengemachte globale Erwärmung. Die Treibhausgasemissionen steigen weiter an, wobei die höchsten Pro-Kopf-Emissionen aus den Industrieländern kommen. Klimawandelleugner – auch aus den eigenen Reihen – werden mutig und scharf kritisiert.
  • Über internationale Klimaabkommen wie das Pariser Abkommen wurden Fortschritte erzielt, aber die Umsetzung und der Ehrgeiz bleiben unzureichend. Dringendere Maßnahmen sind erforderlich, um katastrophale Folgen zu vermeiden.
  • Das technokratische Paradigma und der unbegrenzte Glaube an den Fortschritt haben die Klimakrise verschärft. Neben technologischen Lösungen sind ein Wandel der Lebensstile, Werte und der Ethik notwendig.
  • Die internationale Zusammenarbeit war begrenzt, wobei nationale Interessen häufig über das globale Gemeinwohl gestellt wurden. Der Multilateralismus muss reformiert werden, um die Klimakrise effektiv anzugehen.
  • Bei der COP28 müssen verbindliche Maßnahmen für eine Energiewende beschlossen werden. Die Zeit zum Handeln wird knapp, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu vermeiden.
  • Aus dem Glauben ergeben sich geistliche Beweggründe für Klimaschutz – die Welt ist uns anvertraut und wir müssen unsere Lebensweise ändern.
  • Jeder kann einen Beitrag leisten, aber politisches Handeln ist unerlässlich. Entsprechend ist nicht nur Individualmoral angemahnt: Der Klimawandel ist eine “strukturelle Sünde”.

Ich sehe mich gezwungen, diese Klarstellungen, die offenkundig erscheinen mögen, aufgrund bestimmter abschätziger und wenig vernünftiger Meinungen vorzunehmen, die ich selbst innerhalb der katholischen Kirche vorfinde. Aber wir können nicht mehr daran zweifeln, dass der Grund für die ungewöhnliche Geschwindigkeit dieser gefährlichen Veränderungen eine unbestreitbare Tatsache ist: die gewaltigen Entwicklungen, die mit dem ungezügelten Eingriff des Menschen in die Natur in den letzten zwei Jahrhunderten zusammenhängen.” (Franziskus, Laudate Deum, 14)

Theologisch-Anthropologische Konkretionen

Die “Krone der Schöpfung”, die der Natur mit dem “Herrschaftsauftrag” gegenübersteht, kann für den Papst nicht länger das dominierende Narrativ sein. Nur die Wertschätzung aller Lebewesen und die Verwobenheit mit ihnen sind ihrem Eigenwert angemessen und ökologisch not-wendig. Insgesamt scheint Franziskus weg von einem reinen Anthropozentrismus hin zu einem mitfühlenderen, demütigeren und umfassenderen Verständnis des Menschen in der Mitwelt zu gehen. Das heißt:

  • Franziskus spricht von einem “situierten Anthropozentrismus”, d.h. der Mensch kann nicht ohne die anderen Geschöpfe verstanden und sein Leben aufrechterhalten werden.
  • Durch die Leiblichkeit ist der Mensch eng mit der Welt verbunden. Das Aussterben einer Art kann wie eine “Verstümmelung” empfunden werden.
  • Die Welt ist nicht nur eine “Ressource” für den Menschen, da sie Gott gehört. Der Mensch muss die Naturgesetze und das empfindliche Gleichgewicht zwischen den Geschöpfen respektieren.
  • Im aktuellen Schreiben und in Laudato Si findet die Theologin Julia Enxing implizit, aber deutlich, das Konzept der “deep incarnation”, dem zufolge sich Gott nicht nur in Christus, sondern in der ganzen Schöpfung inkarniert hat. Der Eigenwert der Mitwelt kann damit kaum größer gedacht werden.
“Wenn wir als Menschen eines unter Beweis stellen konnten, dann ist es die unvergleichliche Macht, mit der wir uns die Welt unterworfen haben.” (Julia Enxing)

Die Dokumentation der Tagung “Anthropozentrik am Ende?” wird die Konsequenzen einer “deep incarnation” mit Julia Enxing weiter entfalten.